Wie ich zu schreiben begann

Alle Schreibenden haben ihre Geschichte. Meine geht so:

An einem Sonntag im August 1999 fuhr ich meinen burgunderroten Honda Accord zu einer Waschanlage an der Mission Road in San Gabriel, einem Stadtteil von Los Angeles, in dem vor allem Chinesisch und Spanisch gesprochen wird.

In Amerika fährt man nicht mit durch die Anlage; man gibt sein Auto ab und wartet, bis es sauber zurückgebracht wird. Im Wartebereich unter einer Schatten spendenden Pergola saß ich zwei älteren, Spanisch sprechenden Frauen gegenüber. Sie waren sehr adrett gekleidet, trugen Strumpfhosen trotz der Hitze und hielten kleine Handtaschen auf dem Schoß. Vielleicht waren sie zuvor in der Kirche gewesen.

Ich beobachtete die Frauen, lauschte ihrem Gespräch. Abuelitas, Großmütterchen, nannte ich sie für mich, und ich lächelte ihnen zu. In Amerika wird ein solches, im Grunde absichtsloses Lächeln so gut wie immer erwidert. ¡Qué caliente! Wie heiß! seufzte die eine Frau, sich Luft zufächelnd, und ich nickte.

»Ich bekam Sehnsucht nach meiner Großmutter in Deutschland. Ich war sicher, sie und die zwei Frauen würden sich gut verstehen.«

 

Ich stellte mir vor, wie gemütlich es im Haus dieser Großmütterchen sein müsste. Wie gut ihr Essen wohl schmeckte, wie weich ihr Sofa wäre, auf dem ich mich ausstrecken und ausruhen könnte.

Ich bekam Sehnsucht nach meiner Großmutter in Deutschland. Ich war sicher, sie und die zwei Frauen würden sich gut verstehen. Nicht mit Worten, das wäre unmöglich. Aber bestimmt, wenn sie gemeinsam kochten, zum Beispiel Bohnenbrei – ein ungarndeutsches Rezept gegen ein mexikanisches, das gleiche Bauerngemüse zweifach zur Vollendung gebracht.

Im frisch polierten Honda fuhr ich zurück. Ich war 26, neu in L.A., und wohnte zur Untermiete bei einem mexikanischen FedEx-Boten. Er war nicht daheim. Ich setzte mich in den kleinen Erker seines Dreißigerjahre-Häuschens, klappte meinen Laptop auf und schrieb los: zuerst über die Frauen, und später, Zeile für Zeile, Jahr für Jahr, über alles andere auch.

How I began to write
 

All writers have their story. Mine goes like this:

On a Sunday afternoon in August 1999, I drove my burgundy-colored Honda Accord to a car wash on Mission Road in San Gabriel, a Los Angeles neighborhood where most people speak either Mandarine or Spanish.

In the US, you don’t stay in your car while it is being washed. You drop it off and wait for the attendants to bring it back clean. In the waiting area, beneath a pergola giving shade, I sat across from two older ladies. They were talking in Spanish. They were neatly dressed, wearing pantyhose despite the heat and holding small purses in their laps. Perhaps they had been to mass before coming here.

»I began to long for my grandmother in Germany. I was sure she would make friends with those two over there.«

 

I watched the women, listened to their conversation. Abuelitas, little grannies, I called them to myself, and I smiled at them. In America a casual smile like this is almost always returned. ¡Qué caliente! How hot it is! one of the grannies sighed, and I nodded my head.

I imagined how cozy their house must be. How good their food tasted. How soft their sofa was, waiting for me to lie down and relax. I began to long for my grandmother in Germany. I was sure she would make friends with those two over there. Not with words, that would not work. But surely by cooking together. Frijoles, beans, for example: a Hungarian-German recipe versus a Mexican one, the same peasants’ vegetable in two sublime guises.

I drove back in my freshly polished Honda. I was 26 and new to L.A., staying with a Mexican FedEx delivery guy. He was not home. I sat down in the small alcove of his 1930s house, opened my laptop and began to write: first about the women, and then, line by line, year after year, about everything else, too.