05.01.2026 / Gedanken
Gedanken zum Jahreswechsel
Am Silvesterabend gegen halb zwölf, nach einem fröhlichen Dinner im Osterfinger Bad, haben wir meine Schaffhauser Schwiegermutter ins Heim gefahren und in ihrem Zimmer den Fernseher angestellt. Auf SRF 1 zählte ein bekannter deutscher Moderator den Countdown, verstärkt von einer Halle voller Bestgelaunter, die alle Songs von Roland Kaiser auswendig kannten, darunter erstaunlich viele junge Leute.
Meiner Schwiegermutter zuliebe habe ich mitgezählt, doch spätestens bei der Zahl 3 war in mir wieder jenes flaue Silvester-um-Mitternacht-Gefühl: Es gibt kein Zurück, ich kann nicht „Halt!“ rufen oder „Stopp, ich will das nicht!“. Ich wurde einfach mitgerissen bis zur 0 und darüber hinaus, und schon war es passiert, wie wenn der Zahnarzt den Wackelzahn zieht oder die Mutter dem Kind das Pflaster abreißt und dann sagt, „Na, so schlimm war es doch gar nicht.“
Und doch ist es schlimm, zumindest für mich. Ich bin keine Freundin von Silvester, diesem kosmischen Kreislaufmoment, den wir so mit Bedeutung aufladen, weil unsere vorwärts gerichtete Jahresschreibung daran hängt und mit ihr die Buchführung unserer Lebenszeit.
Achensee zu Jahresbeginn
Keine zwei Stunden nach diesem Moment der kollektiv verordneten Euphorie sind im Wallis in einer Bar 40 Jugendliche und junge Erwachsene verbrannt. Natürlich erfuhren wir schon am nächsten Morgen davon, und so wurde der optimistische Startschuss ins neue Jahr, um den ich mich Beat zuliebe innerlich bemühte, zu einer Fehlzündung.
Das neue Jahr, wäre es ein frisch aus der Startbox gelassenes Rennpferd, kam wegen eines Rasenlochs sofort ins Straucheln und stürzte so unglücklich, dass man ihm mühsam aufhelfen musste, woraufhin es reiterlos und mit verrutschtem Sattel und gesenktem Kopf stehenblieb.
Tags darauf spielte ein Radiosender des ORF tatsächlich Alicia Keys „Girl on Fire“. Wir hörten es auf unserer Fahrt zum Achensee, sonst hätte ich es nicht geglaubt. Aber vielleicht waren wir auch nicht taktvoller, denn wir fuhren wie geplant in unser Hotel, wo wir freundlichst begrüßt wurden und schon am Nachmittag die Sauna genossen.
Darf man glücklich sein, während andere leiden? Der Pragmatismus sagt Ja, mit dem Argument, das Geschehene sei nicht zu ändern und ein zu starkes Mitleiden nütze keinem, im Gegenteil, es schade einem selbst, es ziehe negative Kreise, und davon habe schließlich niemand etwas.
Froh bleiben, wenn andere weinen, wäre dann kein Verrat, sondern ein Dienst an der Gesellschaft.
Ich kann mich dieser im Kern vermutlich utilitaristischen Logik nicht anschließen. Und ich bin froh, dass alle, mit denen ich gesprochen habe, berührt waren von der Katastrophe, wenn auch nur für einen Moment. Es gehört Mut dazu, sich der Trauer und Ohnmacht zu stellen, das Gefühl zuzulassen, dass die eigene Seele gleich zu Beginn eines neuen Jahres, in diesem Moment forcierter Hoffnung und Zuversicht, in eine Schieflage gerät.
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