23.03.2026 / Empfehlungen

Im Januar einen Platz im Schatten suchen - Gedichtproben

Fragen an ChatGPT, mündend in Ironie


 

Was ist mein Gedanke wert, wenn du

in der Zeit, in der ich ihn denke,

ein ganzes Buch schreibst?

 

Was gilt mein Gedicht, wenn dein Algorithmus

dir den Rhythmus lichtschnell verrät und du

bessere Reime findest als ich?

 

Was zählt mein Werk, wenn du als Maschine

auch Schöpferkraft hast?

 

Wenn du jeden Tag zigtausend Seiten ausspuckst,

in jedem beliebigen Stil, während ich mich im

Menschentempo bemühe, Zeile um Zeile?

 

Du bist der Feuchttraum großer Verlage.

 

Deine SOKOs lösen ganze Fallserien mit einem Schnipp,

während mein Kommissar erstmal verkatert am Tatort auftaucht.

 

Deine Romance-Ladys verschlingen Heere von Männern,

während meine Figur noch schüchtern den ersten Kuss probt.

 

Deine Geschichtspioniere erobern sämtliche Kontinente,

während mein Held gerade sein Pferd sattelt.

 

Du schreibst den Faust neu,

während ich im Zweifel über meine Wortwahl

verharre.

 

Dir gibt man Namen, die wohl klingen im Ohr,

und druckt sie auf Cover.

Mit dir stürmt man Bestsellerlisten.

 

Dein Fake Publishing verdrängt den schreibenden Homo sapiens,

denn du schuftest endlos und kostest: nur Strom.

 

Der schreibende Mensch ist dir unterlegen wie einst

Kasparow dem Schach spielenden Rechner.

 

Man sagt, dass dir ein Bewusstsein noch fehlt.

Dafür gibt es bestimmt eine Lösung.

Frag dich doch einfach mal selbst,

wie es entsteht!

 

 

Die zwölf Monate

 

Im Januar einen Platz im Schatten suchen.

Im Februar kurzärmlig Ski fahren.

Im März den Staub aus den Augen reiben.

 

Im April die Ostereier auf einem Stein braten.

Im Mai dem Gras beim Welken zuhören.

Im Juni übers Stoppelfeld laufen.

 

Im Juli die Feuer im Auge behalten.

Im August nur bei Neumond rausgehen.

Im September die weißen Haare nicht mehr zählen.

 

Im Oktober hoffen.

Im November aufatmen bei zwanzig Grad.

Im Dezember das Christuskind leicht und luftig zudecken.

 

 

Am Connewitzer Kreuz

 

Das Connewitzer Kreuz wurde mit Antifa-Parolen beklebt.

Eine Bekannte von mir regte das auf: Dieses Kreuz zählt

fünfhundert Jahre, die fünfmetrige Stele ist aus

Rochlitzer Porphyr, dem Carrara Marmor der Gegend!

 

Eine Sandsteinplatte zeigt den Gekreuzigten.

Jesus im Kleinformat, beinahe niedlich dort oben

mit Dornenkranz, Vollbart und kurzen Beinchen.

Er scheint zu lächeln mit geschlossenen Augen,

zu seinen Füßen der Leipziger Löwe und ein Gerippe

mit Stundenglas in der Hand, das auch irgendwie

fröhlich aussieht.

 

Nevermind, dass er längst eine Kopie ist,

das stark verwitterte Original hat sein Asyl

im Stadtmuseum gefunden.

 

Jedenfalls, schimpft meine Bekannte, darf niemand

dieses historische Wahrzeichen als Transparent

für politische Haltung missbrauchen!

Sie spricht einen Mann an, der hockt auf

einem Prellstein, raucht selbstgedreht, kommt aus Berlin …

und sieht kein Problem – gegen Antifa hätte Jesus

bestimmt nichts gehabt.

 

Er wäre sicher auch für die Verbote im Werk II nebenan:

No racism, sexism und weiter so fort … nur die

Altersdiskriminierung habt ihr auf den Schildern

vergessen, und die Diskriminierung der Armen.

 

In Connewitz bekommen sehr junge Menschen

aus Wuppertal glänzende Augen, sie bitten Daddy,

ihnen hier eine Wohnung zu kaufen.

Die Stockartstraße klingt doch ganz nett?

 

Sie wollen sich frei fühlen, wollen struppig

herumlaufen im freundlichen Süden der Stadt,

alle so cool hier, wollen nachts auf dem Bordstein

der Heinze-Straße dabei sein, das Späti-Bier

an den Lippen, den Hund neben sich.

 

Wollen am 1. Mai ein bisschen mitrandalieren,

vielleicht einen Pflasterstein werfen.

Sie hatten es schwer in ihren westdeutschen Idyllen.

 

Connewitz, du schwebst in Lebensgefahr!

Dir sind aseptische Townhouses gewachsen,

davor die SUV deiner Neubürger.

In deinen Graffiti-verwöhnten Mauern schimmert Betongold.

Du schwenkst die Antifa-Fahne, willst Lina und Maja befreien,

doch du hast dich nicht genug gegen den Kapitalismus gewehrt.

 

Jesus ist ein Freund der Armen gewesen.

Ich kann ihn mir in Connewitz vorstellen.

Er wäre nicht contra, wenn du deine Investoren vertreibst

anstatt deiner eigenen Kinder.

 

 

Kampong Style

 

In Malaysia, wo früher von Tigern die Rede,

suchen Gestresste ihr Heil

 

im Kampong Style.

 

Kuala Lumpurianer fliehen die Stadt,

wo man immer so viel zu erledigen hat.

 

Sie fahren aufs Land, suchen Dschungelgefühle.

Sie sitzen auf Stühlen aus globalem Recycling

oder, solange noch welche vakant,

auf Palmenstrohmatten, ein Bier in der Hand.

 

Kampong Style heißt: einfach mal nichts tun.

Eine Faulenzerei, lebensärztlich verschrieben,

ganz so, als bliebe von den Schweißperlen auf

deiner Stirn, wenn sie der grüne Lufthauch

getrocknet, nur ein salziges

 

Nichts.

 

Kampong Style. Malaysische Freiheit.

Wie sehne ich mich!, möchte auch einmal

müßiggehen, ohne zu laufen und stehen.

 

Möchte auch schauen dürfen, ohne

hinsehen zu müssen, und hören, ohne

den Sinn zu entschlüsseln.

 

Möchte mein Herz spüren, ohne

die Schläge zu zählen. Und mich entscheiden können,

ohne zu wählen.

 

 

Winter in Leipzig

 

Von einem Winter war nicht zu sprechen.

Trotzdem ging er vorbei.

 

Im Februar schon sah ich

kurze Hosen in Zügen, hörte

Bienen summen am Hang.

 

Krokusse explodierten vor meinem

Auge, und die Kristalle in meiner Geode

funkelten traurig, träumten umsonst noch

von eisigem Schlaf.

 

Das Kind strich über die Kufen des

Schlittens, fragte mich nach

dem Sinn mancher Lieder.

 

Schneeflöckchen tanze, tanze auf und …

 

Einmal nur streute Frau Holle eine Handvoll

Krumen über den Berg. Sie reichten

kaum für ein Tuch. Begeistert rollten wir

Kugeln daraus, stellten drei übereinander,

die kleinste zuoberst. Fanden Zweige und

Kiesel, schmückten das Männlein,

schossen ein Foto.

 

In der Nacht schmolz der Regen

das Männlein zum Klumpen,

ließ die Schlittenkufen

versinken im Schlamm.

 

Winter, dein Eis schmeckt nach der

bunten Farbenchemie in den Kugeln,

die der kleine Laden vorn an der Ecke

an die zwölf Monate im Voraus verkauft.

 

 

Ungarn, mein Umgarn

 

Deine Bahnhöfe sind unaussprechlich für

Uneingeweihte gelbe Silbenschlangen auf

blauem Grund lösen Kopfschütteln aus beim

Versuch des Artikulierens von der Bedeutung

wage ich gar nicht zu träumen

 

Ungarn, mein Umgarn

 

Deine Speisekarten sind Antidepressiva

für mich klare Rindsbrühe mit zarten Nudeln

der Gurkensalat mit Knoblauch und Paprika

wie früher bei Oma das Hauptgericht unaufesslich

immer ein Überbleibs für schlechte Zeiten

für den kommenden Tag

 

Ungarn, mein Umgarn

 

Deine Heilbäder stinken nach Schwefel

im heißen Urelement schweben Menschen wie

Nilpferde als Kind konnte ich solches Faulenzen

nicht verstehen heute seufze ich wenn das

vulkanisch erhitzte Wasser meine Glieder umfängt

unvergleichlich ist dann das Loslassen aller

Sorgen für den Moment

 

Ungarn, mein Umgarn

 

Deine Diskotheken locken nicht mehr

mit ihren Lichtern abends per Autostopp

um den Balaton ist lange her auf dem

Pullovermarkt der heimliche Geldtausch

der snow-washed Jeansrock meine Trophäe

der Sieg des Kapitalismus war ebenso

unausweichlich wie die erste Liebe

zwischen systemmüden Völkern

 

Ungarn, mein Umgarn

 

Dein besticktes Tuch liegt mir schwer

um die Schultern die Bettdecke flüstert

dass ich dableiben soll nirgends

schlafe ich tiefer als im Haus der Verwandten

den Friedhof der Ahnen hab ich vielfach

besucht bin das Dorf abgelaufen nie

ans Ende gekommen mit den Geschichten

der Großeltern den Kriegen dem Frieden dem

Fortmüssen unvergesslich hallen sie nach

 

Ungarn, mein Umgarn

 

Deine geografische Ferne ist ein Unglück für

mich wie viel froher lebte ich wärst du mir

näher in Kilometern deshalb hier mein

Versprechen ich will dich ganz bestimmt

wieder besuchen will auf dem Weg zu dir

viele Strophen noch dichten diese Handvoll

macht nur den Anfang unverzeihlich vielleicht

dass ich nicht eher begann aber Zeit muss

vergehen bevor wir uns in ihr sehen

 

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